Während die Masse noch streitet, wird längst gebaut
Michael Amrein · 2026-09-21

Die falsche Debatte
In Familienrunden, an Stammtischen und in Kommentarspalten klingt es seit Jahren gleich: «Das ist doch nur Spekulation.» «Dahinter steckt nichts.» «Das platzt sowieso.»
Das Muster ist nicht neu. Beim Internet, beim Onlinebanking und beim Smartphone wurde auch zuerst über das Ob gestritten. Umgesetzt wurde es dann still. Wer mit dem Urteil wartet, bis die Technologie im Alltag angekommen ist, erkennt sie erst, wenn die entscheidende Phase vorbei ist.
Während also über Bitcoin philosophiert wird, bauen Konzerne, Banken und Netzbetreiber im Hintergrund. Ein paar Beispiele:
Avalanche: Mobilfunk als handelbarer Sachwert
Der 5G-Spezialist Bloxtel baut in einer strategischen Partnerschaft mit Ava Labs, dem Entwickler von Avalanche, nach eigenen Angaben das erste vollständig dezentrale 5G-Netz. Das Prinzip ist radikal: Statt auf Infrastruktur zu laufen, die ein einzelner Anbieter besitzt und vermietet, wird jede Antenne als eigene Adresse auf der Blockchain registriert. Die Zugangsberechtigungen werden als Token ausgegeben, mit denen Vermieter, Veranstaltungsorte oder Gemeinschaften eine Funkzelle finanzieren und am Datenverkehr mitverdienen können.
EIN Presswire
EIN Presswire
Mobilfunk war bisher das Revier weniger Grosskonzerne. Hier wird er zu einem Sachwert, an dem sich jeder beteiligen kann. Avalanche ist dabei nicht nur ein Experimentierfeld: Finanzinstitute wie J.P. Morgan, Apollo und Citi nutzen das Netzwerk für die Tokenisierung realer Vermögenswerte, und Apollo hat im Januar 2026 einen Kreditfonds über 50 Millionen Dollar darauf tokenisiert.
VanEck
VeChain: Walmart verfolgt Lebensmittel auf der Blockchain
Schon 2019, als Bitcoin für viele noch «Internetgeld für Kriminelle» war, lancierte Walmart China gemeinsam mit PwC und VeChain eine Plattform zur Rückverfolgung von Lebensmitteln auf der VeChainThor-Blockchain. Kunden scannen ein Produkt und sehen Herkunft, Logistikweg und Prüfberichte.
Europeanchamber
Retail Insight Network
Das war kein Pilotprojekt für die Pressemitteilung. Anfang 2024 hatte die Plattform über 200 Millionen Transaktionen verarbeitet. Bei Frischfleisch, Gemüse und Meeresfrüchten ist Vertrauen in die Lieferkette bares Geld, und die Blockchain liefert dieses Vertrauen ohne zentrale Stelle, der man glauben muss.
ICO Holder
Ripple und das XRP Ledger: Die Banken sind schon da
Ripple arbeitet seit Jahren mit dem etablierten Finanzsystem, nicht gegen es. Das XRP Ledger war Teil eines grenzüberschreitenden Pilotprojekts mit JPMorgan, Mastercard und Ondo Finance, bei dem tokenisierte US-Staatsanleihen in weniger als fünf Sekunden abgewickelt wurden. Dazu kommen Partnerschaften mit Jeonbuk Bank und Kbank in Südkorea sowie Pläne mit der SBI Group, Ripples Stablecoin RLUSD in Japan zu vertreiben.
CryptoPotato
AllAboutXRP
Ein wichtiger Unterschied für jeden, der genauer hinschaut: Viele dieser Partnerschaften nutzen Ripples Software und Infrastruktur, ohne dass dafür jemand XRP in nennenswertem Umfang kaufen oder halten muss. Die Technologie gewinnt, aber das heisst nicht automatisch, dass jeder Token gewinnt.
Yahoo Finance
Chainlink: Die Brücke zwischen alter und neuer Finanzwelt
Chainlink löst ein Problem, das kaum jemand sieht: Wie spricht eine Bank mit einer Blockchain, ohne ihre gesamte IT umzubauen? In einem Pilotprojekt mit UBS Tokenize wurden Zeichnungen und Rücknahmen eines tokenisierten Fonds direkt über Swift-Nachrichten ausgelöst, ohne dass die Institute ihre bestehenden Systeme ersetzen mussten.
The Block
Die Liste der Beteiligten liest sich wie das Who's who der Finanzinfrastruktur: Chainlink arbeitet mit 24 der grössten Finanzinstitute und Marktinfrastrukturen an der Abwicklung von Unternehmensereignissen, darunter Swift, DTCC, Euroclear, die Schweizer Börsenbetreiberin SIX, UBS und Wellington Management.
Chainlink Blog
Algorand: Angekommen bei PostFinance
Auch in der Schweiz ist die Entwicklung sichtbar. PostFinance hat ihr Angebot um Handel und Verwahrung von ALGO erweitert, und Revolut bietet Staking für ALGO an. Dazu kommt der Zahlungsverkehr: Der Algorand-Partner Quantoz hat eine Partnerschaft mit Visa angekündigt, damit auf Algorand ausgegebene Karten ihre Transaktionen in Echtzeit direkt auf der Blockchain abwickeln.
Bitget
Algorand
Das grössere Bild
Diese Beispiele sind keine Einzelfälle. Im Juli 2026 lagen tokenisierte reale Vermögenswerte im Wert von 31 Milliarden Dollar auf öffentlichen Blockchains, verteilt auf 167 Plattformen und fast 960'000 Halter. Stablecoins sind darin noch nicht eingerechnet; sie machen weitere 299 Milliarden Dollar aus.
Cryptic
Die eigentliche Frage
Über die Technologie muss man nicht mehr streiten. Die Anwendung ist da. Sie läuft in Supermärkten, Banken, Börsen und Funknetzen.
Die Frage ist heute eine andere: Erkennt man, was gerade entsteht, und versteht man, wo darin Wert geschaffen wird? Oder bleibt man bei der Masse, die noch debattiert, ob es Betrug ist, während sich die Strukturen der nächsten Jahrzehnte formen?
Die Masse kommt meistens dann, wenn die Entwicklung sichtbar und bequem geworden ist. Das ist selten der Zeitpunkt, an dem man sie am besten versteht.
Verstehen heisst dabei nicht, blind zu kaufen. Das Beispiel Ripple zeigt es: Eine Technologie kann sich durchsetzen, ohne dass jeder zugehörige Token davon profitiert. Wer sich auskennt, unterscheidet zwischen Anwendung, Unternehmen und Token. Genau dieses Wissen trennt informierte Teilnehmer von Mitläufern.
Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
