Tokenisierung: Grösste Liquiditätspumpe der Geschichte oder Enteignungswerkzeug?
Michael Amrein · 2026-09-17

Was Tokenisierung ist
Tokenisierung bedeutet, dass ein Recht an einem realen Vermögenswert als digitaler Token auf einer Blockchain abgebildet wird. Man spricht von Real World Assets (RWA). Ein Gebäude, ein Fonds oder ein Rohstofflager wird in viele kleine, handelbare Einheiten zerlegt. Diese lassen sich rund um die Uhr, weltweit und ohne klassische Zwischenstellen übertragen.
Die Schweiz ist hier weit vorne. Das DLT-Gesetz hat die Kategorie der Registerwertrechte eingeführt, mit der Wertpapiere rein digital auf einer Blockchain abgebildet werden können, ohne physische Urkunde. Einträge in einem solchen Register haben dieselbe Funktion und denselben Rechtsschutz wie klassische Wertpapiere.
Nume
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Seite 1: Die Liquiditätspumpe
Gebundenes Kapital wird beweglich
Der grösste Teil des Weltvermögens ist illiquide. Er steckt in Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Infrastruktur und Rohstoffen. Diese Werte existieren, lassen sich aber nur langsam, teuer und in grossen Stücken bewegen. Tokenisierung verändert genau das.
Die Prognosen sind entsprechend gross, gehen aber weit auseinander. McKinsey erwartet bis 2030 rund zwei Billionen Dollar an tokenisierten Werten, die Boston Consulting Group mit ADDX nennt sechzehn Billionen, und Standard Chartered hält bis 2034 dreissig Billionen für möglich. Ein neuerer BCG-Bericht rechnet bis 2035 sogar mit 88 Billionen Dollar und warnt, dass Banken, die sich nicht anpassen, bis zu 30 Prozent ihres Gewinns verlieren könnten.
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CryptoPotato
Die grossen Namen sind schon da
Das ist keine Spielwiese mehr für Kryptoenthusiasten. BlackRocks tokenisierter Geldmarktfonds BUIDL erreichte bis Juli 2026 über 2,8 Milliarden Dollar und läuft auf acht Blockchains. Franklin Templeton war mit seinem Fonds der erste in den USA registrierte Investmentfonds, der eine öffentliche Blockchain als offizielles Register nutzt.
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Das Beispiel Immobilien
Bisher brauchte man für eine Immobilie Eigenkapital im sechsstelligen Bereich, eine Hypothek, Notar und Grundbuchamt. Bei tokenisierten Immobilien kauft man Anteile statt eines ganzen Objekts. Ein Geschäftshaus im Wert von 50 Millionen Dollar könnte in 50 Millionen Token aufgeteilt werden, womit ein Einstieg ab einem Dollar möglich wäre.
FastExpert
Die Vorteile liegen auf der Hand:
Zugang: Auch kleine Vermögen können in Sachwerte investieren, die bisher Institutionen vorbehalten waren.
Streuung: Statt alles in eine Wohnung zu stecken, verteilt man das Kapital auf mehrere Objekte und Standorte.
Tempo: Anteile wechseln in Minuten den Besitzer statt in Monaten.
Kapital für Eigentümer: Wer eine Liegenschaft besitzt, kann Kapital beschaffen, ohne das ganze Objekt zu verkaufen oder neue Schulden aufzunehmen.
Auf dieser Seite ist Tokenisierung eine Demokratisierung von Eigentum. Wert, der bisher eingefroren war, beginnt zu fliessen.
Seite 2: Das Enteignungswerkzeug
Genau diese Beweglichkeit hat eine Kehrseite, über die kaum jemand spricht.
Was unteilbar war, schützte sich selbst
Ein Haus zu verkaufen ist eine schwere Entscheidung. Man braucht Zeit, einen Käufer, einen Notar, die Zustimmung der Familie. Diese Hürde war immer auch ein Schutz. Harte Reserven wie Grundbesitz, Gold oder eine Beteiligung am Familienbetrieb blieben gerade deshalb erhalten, weil man sie nicht einfach nebenbei veräussern konnte.
Tokenisierung senkt diese Hemmschwelle auf einen Klick. Wer in einer finanziellen Notlage steckt, verkauft nicht mehr das Haus. Er verkauft fünf Prozent davon. Nächsten Monat wieder fünf Prozent. Die Salamitaktik funktioniert, weil jeder einzelne Schritt klein und harmlos wirkt. Am Ende ist dasselbe passiert wie beim Notverkauf, nur leiser und ohne dass es sich wie ein Einschnitt angefühlt hat.
Verkaufen, wenn alle verkaufen
In wirtschaftlichen Krisen brauchen viele Menschen gleichzeitig Geld. Die Liquidität, die Tokenisierung verspricht, ist genau dann am dünnsten, wenn man sie braucht. Wer verkaufen muss, verkauft mit Abschlag. Und wer kauft zu diesen Preisen? Diejenigen, die in der Krise Kapital haben. So kann Eigentum in schwierigen Zeiten still von vielen zu wenigen wandern.
Beliehen und automatisch liquidiert
Tokens lassen sich als Sicherheit für Kredite hinterlegen. Das klingt nach einer bequemen Liquiditätsquelle. Fällt aber der Wert der Sicherheit unter eine Schwelle, verkauft ein Smart Contract die Anteile automatisch. Es gibt keine Mahnung, kein Gespräch mit der Bank und keine Fristverlängerung. Was im klassischen System Wochen dauerte, passiert hier in Sekunden.
Was man wirklich besitzt
Wer einen Immobilien-Token kauft, besitzt in der Regel nicht die Immobilie. Die Halter besitzen einen Anteil an einer Zweckgesellschaft, nicht einen Grundbucheintrag. Ihre Rechte laufen über diese Struktur, und sie bestimmt, welche Ansprüche bleiben, wenn eine Plattform schliesst. Auch wenn der Token digital ist, bleibt das dingliche Eigentum am Grundstück oft ausserhalb der Blockchain.
CoinPaprika
Twee
Dass dieses Risiko real ist, zeigt ein aktueller Fall. Bei der US-Plattform RealT wurden im Februar 2026 die Mietausschüttungen gestoppt, im April folgte ein gerichtlich eingesetzter Treuhänder, und im Juli 2026 kündigte RealT die freiwillige Liquidation an. Rund 400 französische Anleger leiteten rechtliche Schritte ein.
Spark
Programmierbares Eigentum
Dazu kommt ein technischer Punkt: Regulierte Token können so programmiert werden, dass der Herausgeber sie einfrieren oder zwangsweise übertragen kann. Für die Einhaltung von Gesetzen ist das nützlich. Es bedeutet aber auch, dass Eigentum nicht mehr nur beim Eigentümer liegt, sondern auch beim Code und bei dem, der ihn kontrolliert.
Fazit: Das Werkzeug ist neutral, die Anwendung nicht
Tokenisierung ist beides. Sie kann die grösste Liquiditätspumpe der Geschichte werden und Eigentum für Menschen öffnen, die bisher ausgeschlossen waren. Sie kann aber auch die natürlichen Schutzmechanismen von Eigentum auflösen und in Krisen dazu führen, dass Menschen ihr Hab und Gut Stück für Stück verlieren.
Was davon eintritt, hängt von drei Dingen ab:
Von der rechtlichen Struktur: Was genau besitze ich, und was passiert, wenn der Anbieter verschwindet?
Von der Kontrolle: Wer kann meine Token einfrieren, übertragen oder liquidieren?
Von der eigenen Disziplin: Die Hemmschwelle, die das System nicht mehr bietet, muss man selbst mitbringen.
Wer Tokenisierung versteht, kann sie nutzen. Wer sie nicht versteht, wird von ihr benutzt.
Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Anlage- oder Rechtsberatung dar.
